8.1. Warum werden den Schlachtbetrieben die Emissionen aus der gesamten Wertschöpfungskette zugeschrieben – inklusive Futtermittelanbau und Tierhaltung – anstatt nur die Emissionen, die tatsächlich am Schlachtbetrieb selbst entstehen?
Diese Zuschreibung nehmen wir aus zwei Gründen vor:
Erstens wird das Geschäft der Schlachtbetriebe erst durch die gesamte vorgelagerte Wertschöpfungskette ermöglicht: Ohne Futtermittel und Tierhaltung und die damit verbundenen Emissionen könnten keine Tiere geschlachtet und verarbeitet werden. Wir geben also an, welcher Klimaschaden insgesamt in dem Geschäft der Schlachtbetriebe steckt.
Zweitens haben mindestens die großen Schlachtkonzerne einen bedeutenden Einfluss auf die gesamte Wertschöpfungskette und damit auch eine Mitverantwortung für die vorgelagerten Stufen. Für eine nähere Erläuterung siehe den Germanwatch-Report
„Super-Emittenten" der Fleisch- und Milchwirtschaft in Deutschland.
8.2. Was ist bei den Werten für die Emissionen konkret alles eingerechnet?
Die Werte von SAFAD (Emissionen ohne Opportunitätskosten) beinhalten Emissionen aus den folgenden Bereichen:
- Produktion von Mineraldünger (für den Futtermittelanbau)
- Produktionsmittel
- Energieverbrauch bei der Primärproduktion
- Emissionen aus Böden
- Landnutzungsänderungen
- Verdauung der Tiere
- Güllemanagement
- Verpackung
- Transport
Nicht eingerechnet sind Emissionen aus der Verarbeitung von Fleischprodukten, weil die verwendete Daten sich auf das unverarbeitete Fleisch beziehen. Insofern die Schlachtbetriebe auch verarbeitete Fleischprodukte herstellen, sind die Emissionen also noch zu niedrig geschätzt.
Für weitere Informationen siehe:
https://safad.se/
Die Werte für die Emissionen inklusive Kohlenstoff-Opportunitätskosten beinhalten:
- Verschiedene Emissionen aus der Produktion von Futtermitteln (Landbearbeitung, Dünger und Pestizide, Ernte, Transport etc.)
- Verdauung der Tiere
- Güllemanagement
- Energieverbrauch bei der Primärproduktion
- Verarbeitung
- Transport
- Entgangene Kohlenstoffspeicherung durch die Produktion
Für weitere Informationen siehe Wirsenius et al. (2025): The full climate costs of agriculture including foregone land carbon storage, Supplementary Information, verfügbar hier:
https://www.researchsquare.com/article/rs-6678069/v1
8.3. Warum gibt es je Schlachtbetrieb zwei verschiedene Werte für die Emissionen, ohne und mit Kohlenstoff-Opportunitätskosten – welcher Wert ist tatsächlich zutreffend?
Um die Treibhausgasemissionen einer Produktionskette zu bestimmen, muss man immer gewisse Annahmen treffen. Da mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Zielen unterschiedliche Annahmen plausibel sind, gibt es nicht *den einen* korrekten Wert.
Viele anerkannte Studien und Bilanzen beziehen aktuell die Kohlenstoff-Opportunitätskosten nicht mit ein – sie beschränken sich auf die Emissionen, die über die Produktionskette faktisch entstehen. Weil diese Betrachtung weit verbreitet und etabliert ist, geben wir zunächst einen so bestimmten Wert an.
Es gibt aber gute Argumente dafür, die Kohlenstoff-Opportunitätskosten mit einzubeziehen, obwohl sie vielleicht etwas weniger greifbar erscheinen. Denn die gegenwärtige Produktion ist nur möglich durch die frühere Umwandlung von Land, die mit Emissionen einherging. Zugleich verhindert die Weiternutzung von Land die Einlagerung von Emissionen, die durch eine Renaturierung möglich wäre. Damit geht der Klimaschaden der Fleischproduktion über den direkten Ausstoß von Emissionen bei der Produktion hinaus. Diesen zusätzlichen Schaden kann man mithilfe der Kohlenstoff-Opportunitätskosten beziffern. Zugleich zeigen sie das große Potenzial auf, das in einer Umstellung der Landwirtschaft und der Ernährungsweisen liegt.
Folgende Artikel erklären die Relevanz der Kohlenstoff-Opportunitätskosten näher:
8.4. Warum nutzen wir für die Emissionen ohne Kohlenstoff-Opportunitätskosten Daten, die sich auf Fleisch beziehen, das in Deutschland verkauft wird, anstatt solche für Fleisch, das in Deutschland produziert wird? Ergeben sich dadurch keine relevanten Abweichungen?
Leider gibt es, soweit wir sehen, keine Daten, die in allen Hinsichten unsere Wünsche perfekt erfüllen – die also aktuell, seriös, gebietsspezifisch und nach verschiedenen Tierarten differenzierbar sind. Wir gehen davon aus, dass die Abweichungen, die zwischen dem in Deutschland verkauftem Fleisch und dem hierzulande produzierten Fleisch liegen, gering sind. Zwar ist
etwa die Hälfte des hierzulande verkauften Fleisches importiert. Der allergrößte Teil der Importe stammt aber aus europäischen Nachbarländern, die ähnliche Produktionssysteme haben. Siehe dazu hier die entsprechenden Infos zu
Rindfleisch,
Geflügelfleisch und
Schweinefleisch.
8.5. Ist es wirklich sinnvoll, den Klimaschaden von Schlachtbetrieben mit dem von Kreuzfahrtschiffen zu vergleichen, obwohl es teils um ganz unterschiedliche Arten von Emissionen geht?
Es stimmt, dass die Emissionsarten sich unterscheiden: Der genutzte Wert für die jährlichen Emissionen der MSC Europa umfasst nur Emissionen aus aus der Verbrennung fossiler Kraftstoffe. Zu den Emissionen der Fleischproduktion gehören zwar auch solche Emissionen (z.B. bei Energieverbrauch und Transport), aber sie bestehen zu einem relevanten Teil aus „biogenem" Methan, das Wiederkäuer bei der Verdauung bilden.
Dieses biogenem Methan ist Teil des natürlichen Kohlenstoffkreislaufs: Der enthaltene Kohlenstoff wurde von den Tieren vorher aus Pflanzen aufgenommen und das Methan zerfällt nach einer vergleichsweise kurzen Verweildauer von ca. 12 Jahren wieder in der Atmosphäre u. a. zu Kohlendioxid. Durch die Methanbildung bei der Verdauung der Wiederkäuer erhöht sich daher auf Dauer nicht der Gehalt von Kohlendioxid in der Atmosphäre. Damit unterscheiden sich diese Methan-Emissionen von den Emissionen aus der fossilen Verbrennung, die sich in der Atmosphäre ansammeln und über Jahrtausende dort verbleiben. Bisweilen wird auf Basis dieser Fakten behauptet, dass das Methan aus der Tierhaltung fürs Klima unproblematisch sei. Entsprechend könnte jemand meinen, dass der Vergleich von Schlachthöfen mit Kreuzfahrtschiffen irreführend sei, weil Kreuzfahrtschiffe eindeutig sehr klimaschädlich seien, die Tierhaltung aber nicht.
Abgesehen davon, dass das biogene Methan nur einen Teil der Emissionen ausmacht: Es ist fürs Klima keineswegs unproblematisch. Denn während der Zeit, in der das Methan in der Atmosphäre ist, hat es eine viel stärkere Erwärmungswirkung als Kohlendioxid.
Um trotz der Unterschiede verschiedene Treibhausgase in ihrer Wirkung vergleichen zu können, wurde das Konzept der Kohlendioxid-Äquivalente entwickelt. Es wird in diversen Studien und in offiziellen Treibhausgasbilanzen verwendet. Mit seiner Hilfe ist es möglich zu sagen, dass die Produktion einer bestimmten Menge Fleisch genauso klimaschädlich ist wie der Betrieb eines Kreuzfahrtschiffs für einen bestimmten Zeitraum.
Zu beachten ist dabei noch, dass die Vergleiche unterschiedliche Ergebnisse liefern können, je nachdem, welche weiteren Annahmen man trifft. Beim Vergleich von Kohlendioxid und Methan ist insbesondere der Zeithorizont relevant: Betrachtet man die nächsten 100 Jahre, ist ein Kilogramm heute ausgestoßenes Methan etwa
30-mal so klimawirksam wie ein Kilogramm heute ausgestoßenes Kohlendioxid, im Hinblick auf die nächsten 20 Jahre sogar
82-mal so klimawirksam.
Alle Werte, die wir verwenden, beziehen sich auf den Zeithorizont von 100 Jahren. Gegeben, wie schnell der Klimawandel voranschreitet und welche dramatischen Folgen schon sichtbar sind, könnte es eigentlich sinnvoller sein, kürzere Zeithorizonte zu wählen. Täte man das, würde der Klimaschaden der Schlachtbetriebe relativ zu dem der Kreuzfahrtschiffe nochmal stark anwachsen. In diesem Sinne würde unser Vergleich den Klimaschaden der Schlachtbetriebe sogar verharmlosen.
Weitere Lektüre dazu:
8.6. Lassen sich die Emissionen, die die Schlachtbetriebe verursachen, vollständig vermeiden (z.B. wenn alle Menschen vegan leben würden)?
Wenn alle Menschen vegan leben würden und die Nahrungsmittelproduktion entsprechend umgestellt würde, entstünden offensichtlich keine Emissionen mehr aus der Erzeugung von Futtermitteln, aus der Agrartierhaltung oder aus dem Betrieb von Schlachthöfen.
Die Kohlenstoff-Opportunitätskosten lassen sich allerdings nur vermeiden, wenn die freiwerdende Fläche tatsächlich renaturiert bzw. aufgeforstet würde. Wenn man stattdessen dort Siedlungen errichtet, Tulpen züchtet oder Energiepflanzen anbaut, würde man das Einlagerungspotenzial nicht ausschöpfen und die Kohlenstoff-Opportunitätskosten also nicht vermeiden.
In dem Szenario, in dem alle Menschen vegan leben, müsste man außerdem etwas mehr pflanzliche Nahrungsmittel anbauen, um die Tierprodukte zu ersetzen. Dabei entstehen natürlich auch Produktionsemissionen und damit gehen ebenfalls Kohlenstoff-Opportunitätskosten einher. Entsprechend würde ein Teil der vermiedenen Emissionen anderswo wieder entstehen. Allerdings gilt das eben nur für einen Teil, da die Erzeugung pflanzlicher Nahrungsmittel insgesamt deutlich weniger Emissionen verursacht als die Erzeugung von Tierprodukten.
In dem Germanwatch-Report „Super-Emittenten" der Fleisch- und Milchwirtschaft in Deutschland" haben wir (mit etwas anderen Ausgangswerten) einmal abgeschätzt, wie hoch das Einsparpotenzial wäre, wenn man die Produktion der zehn größten deutschen Schlachtkonzerne durch Hülsenfrüchte ersetzen würde.
8.7. Inwiefern kann man den Schlachtbetrieben ihre Emissionen vorwerfen, gegeben, dass jede Erzeugung von Nahrungsmitteln Emissionen verursacht und wir alle etwas essen müssen?
Das Ziel der Plattform Schlachtindustrie liegt darin, wichtige Fakten darzustellen, um eine fundierte Grundlage für die gesellschaftliche und politische Diskussion zu liefern. Die Bewertung und der Umgang damit sind dann erst der nächste Schritt.
In der Frage steckt allerdings die These, dass die Emissionen der Schlachtbetriebe unvermeidbar oder unproblematisch wären, weil dabei Nahrungsmittel für die Ernährung der Bevölkerung erzeugt werden. Diese These ist offensichtlich falsch, insofern auch andere Wege zur Ernährung der Bevölkerung möglich sind. Dabei ist vielfach gezeigt worden, dass ein stärker pflanzenbasiertes Ernährungssystem mit weniger Treibhausgasemissionen einherginge.